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Der richtige Ton und etwas Humor

Der richtige Ton und etwas Humor

Sie leitete ein Team von 30 Leuten, hatte dann plötzlich selber fünf Vorgesetzte und landete schliesslich in Äthiopien: Langweilig wurde es Therese Ramseier in den letzten 21 Jahren nicht. Nun blickt sie auf ihre MN-Zeit zurück.

Aufgezeichnet von Mathias Rellstab, Kommunikation Mission am Nil  |  Lesezeit: ca. 10 Minuten

 

Es war wohl 1996, als ich nach einem Vortrag den Eindruck hatte, dass Gott mich in die Mission rufen möchte. Nach langem Zögern meldete ich mich schriftlich bei Edith Lippuner, der damaligen Leiterin der MN. Sie sah gerade keine Einsatzmöglichkeit für mich, aber ich solle doch dafür beten. Für mich hingegen war die Sache abgehakt – ich mochte meine gute Stelle mit Leitungsfunktion im Altersheim sehr.

Fünf Jahre später gab es dort ganz unerwartet heftige Schwierigkeiten: Ich war gerade aus den Ferien zurück, als mein Chef mir mitteilte, dass mehrere Mitarbeiterinnen nicht weiter mit mir zusammenarbeiten wollten und meine Kündigung verlangten. Es waren alles Kolleginnen, die ich sehr gerne mochte – eine schlimme Situation! Schweren Herzens reichte ich meine Kündigung ein. Noch bevor ich selber Kontakt zur Mission aufnehmen konnte, meldetet sich Edith Lippuner bei mir. Wir vereinbarten, dass ich als ersten Schritt einen sechsmonatigen Sprachaufenthalt machen sollte, um meine Englischkenntnisse zu verbessern. Dann würde ich im Büro in Knonau beginnen. Das war 2002.


Eine überraschende Anfrage

Der Wechsel vom Altersheim, wo ich ein Team von 30 Personen geführt hatte, ins kleine Missionsbüro war eine enorme Veränderung und alles andere als einfach. Hier hatte ich sozusagen fünf Vorgesetzte. Ich musste mich unterordnen, Vorschläge, die ich einbrachte, wurden oft abgelehnt. Eines Abends, als es besonders schwierig war, ging ich nach Hause und klagte Jesus mein Leid. «Wenn du mir nicht hilfst, weiss ich nicht, wie das weitergehen soll», schloss ich mein Gebet. Wenig später kam die Missionsleiterin mit einer überraschenden Anfrage zu mir: Rahel Fischer, die Frau von Markus, der damals bereits bei der MN arbeitete, brauchte nach einem Bandscheibenvorfall dringend Entlastung für Haushalt und Kinder. So hatte ich in kürzester Zeit für mehrere Monate einen neuen Einsatzort. Das brachte für mich eine Entspannung der Situation.


Zum Ausbildungsangebot im Misrach Center 1, wo Therese lange Zeit wohnte, gehört unter anderem eine sechsmonatige Anlehre als Köchin/Koch.


Mein Weg nach Äthiopien

Während der Jahre in Knonau machte ich mehrere  Kurzeinsätze in Äthiopien, um in den verschiedenen Projekten punktuell zu helfen. Ich übernahm zum Beispiel Chauffeurdienste, half bei einem Impfprogramm mit, kochte für Einsatzleistende oder betreute Reisegruppen. 2007 gab es im Misrach Center in Addis Abeba einen gravierenden Personalengpass, der sich zunehmend auf die Qualität der dort gefertigten Produkte auswirkte. So wurde ich zur Unterstützung dorthin entsendet, zuerst probeweise, dann langfristig.

Ich machte mich zurückhaltend an die Aufgabe: Erst einmal hingehen, zuschauen, beobachten war meine Devise. Als ich dann anfing Einfluss zu nehmen, habe ich sehr versucht, das nicht «von oben herab» zu machen. Ich stellte viele Fragen, die zur Selbstreflexion anregen sollten: Wie gefällt dir das, was du gerade angefertigt hast? Siehst du etwas, das du beim nächsten Mal anders machen würdest? Sehr hilfreich ist auch der richtige Tonfall und manchmal eine Prise Humor.

Ich verbrachte auch viel Zeit mit den lokalen Mitarbeitern und Auszubildenden, ich wohnte ja auch im MC 1. Mindestens einmal am Tag machte ich eine Runde durch die verschiedenen Abteilungen und grüsste alle. Mit einigen Brocken Gebärdensprache konnte ich auch den Gehörlosen meine Wertschätzung zeigen. Wirkte jemand bedrückt, fragte ich nach. Das ist in der äthiopischen Kultur, die sehr hierarchisch funktioniert, für eine Vorgesetzte eher unüblich. Grundsätzlich lächelt der Mitarbeiter erst einmal freundlich und versichert, dass alles in Ordnung sei. Man muss mehrmals nachfragen, um eine ehrliche Antwort zu erhalten. Dieser Austausch schafft Beziehung. Dann kann man auch einmal Kritik üben, und diese wird angenommen.

Ich habe immer versucht, den Mensch an die erste Stelle zu setzen. Natürlich gibt es bei der Arbeit Qualitätsansprüche, die erfüllt werden müssen. Doch ich wollte auch bei harter Korrektur den Menschen nie aus den Augen verlieren.


Meine Beziehung zu Gott ist tiefer geworden

Über geistliche Themen zu sprechen, war für mich wegen der Sprache lange Zeit schwierig. Mit Girma Belayhun, dem Leiter der Bürstenabteilung,  habe ich dann einen guten Weg gefunden. Er hat die Gabe, Brücken zu schlagen und kann auch auf eine sehr gute Art Gottes Liebe weitergeben. So unterstützte er mich. Auch wenn es Schwierigkeiten gab, konnte ich ihn beiziehen. Gemeinsam haben wir dann mit den Mitarbeitern Gespräche geführt und sie ermutigt, ihre Probleme anzugehen.

Wir besuchten auch Mitarbeiter und Lehrlinge, die in Schwierigkeiten steckten, zu Beginn vor allem an den Wochenenden, also in unserer Freizeit. Später wurde ganz offiziell das Sozialteam gegründet, womit solche Besuche auch während der Arbeitszeit möglich wurden. Inzwischen besteht dieses Team aus fünf Personen, alles Äthiopier und gläubige Christen.

Meine persönliche Gottesbeziehung ist durch die Jahre in Äthiopien tiefer geworden. Man erlebt so viele Situationen, wo man einfach erkennt: Hier kann nur Jesus helfen! Dadurch kann ich heute auch viel  klarer und überzeugter über meinen Glauben sprechen als früher.


Bei einem Hausbesuch mit Girma, dem Leiter der Bürstenabteilung


Einbruch mit Nebenwirkung

Die schwierigste Zeit in all den Jahren erlebte ich 2012. Da übernahm ein neuer Mitarbeiter im MC-Management viele Aufgaben, die zuvor ich erledigt hatte. Von einem Tag auf den anderen war vieles anders: Plötzlich konnte ich Entscheidungen, die ich vorher selber verantwortet hatte, etwa bezüglich Preis- und Sortimentsanpassungen, nicht mehr selbstständig treffen. Schecks, die zuvor ich unterschrieben hatte, gingen nicht mehr durch meine Hände. So entstand eine unschöne Konkurrenzsituation. Die Situation war sehr schwierig für mich, ich war kurz davor, alles hinzuschmeissen. Dann  geschah etwas unerwartetes: In meine Wohnung im MC 1 wurde eingebrochen, am heiterhellen Tag, während einer Management-Sitzung! Genau jener Mitarbeiter kümmerte sich sofort darum, dass die Schäden ersetzt und die Sicherheit verbessert wurde. Er setzte sich sehr für mich ein. Ich erkannte, dass er keineswegs etwas gegen mich persönlich hatte. So schlug dieses unerfreuliche Ereignis eine Brücke zwischen uns.


Besondere Begegnungen

Ich hatte immer die Haltung, dass ich jenen Menschen, die Gott mir vor die Füsse legt, beistehen möchte. Im Lauf der Zeit entstanden tiefere und längerfristige Beziehungen, etwa zu Belaynesh, die ich vor etwa zehn Jahren kennenlernte (siehe Foto am Anfang des Beitrags). Sie durchlief die Optikausbildung im Misrach Center, fand aber wegen ihrer schweren Gehbehinderung keine Stelle. Als Waise hatte sie keine Familie, die sie unterstützen konnte. So übernahm ich diese Rolle. Sie hat auch einen kleinen Sohn, der inzwischen sieben Jahre alt ist. Für ihn bin ich die Grossmutter.

Oder da war die blinde Lehrerin Masa, die mir zu einer richtig guten Freundin wurde. Sie heiratete und wurde schwanger. Leider starben sie und das Kind bei der Geburt. Zurück blieb ihr ebenfalls blinder Mann, der an der Situation fast zerbrach. Zusammen mit Ato Amare (dem Gründer des MC) begleitete ich ihn über die letzten Jahre. Vor kurzem hat er seine Lehrerausbildung an der Universität begonnen. So kann er voraussichtlich in drei Jahren sein eigenes Einkommen verdienen. Auch zu einigen blinden Frauen aus der Wohngruppe entstanden tiefe Beziehungen, und ich habe sie, teils zusammen mit Ursula Fischer, über längere Zeit begleitet.


Immer etwas besonderes: Abschlussfeier mit Lernenden, die ihre Ausbildung im Misrach Center vollendet haben.


Es geht weiter – in Äthiopien!

Besonders schön war für mich während meiner Zeit in Äthiopien, die Wertschätzung der Menschen zu spüren. Mit der Zeit wurde ich auch zu Hochzeiten eingeladen, auch bei Beerdigungen war ich oft dabei. Auch die ehrliche Freude zu spüren, wenn Menschen mir begegneten, war schön. Das zeigt mir: Jetzt bin ich angenkommen, gehöre ich richtig dazu.

Je näher meine Pensionierung und damit das Ende meiner Zeit im Misrach Center rückte, umso klarer formte sich in meinem Herzen der Wunsch, weiterhin in Äthiopien zu bleiben. Ich habe auch über Jahre dafür gebetet, den Ort zu finden, wo Gott mich haben möchte. Nun werde ich als Freiwillige bei der kanadischen Organisation «Hope for Korah» einsteigen, die in einem Slum in Addis arbeitet. Dort kann ich ein Handarbeitsprojekt von Grund auf aufbauen. Ich bin gespannt, wie das wird!

 

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