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Der Blinde, der seinen Chef führt

Der Blinde, der seinen Chef führt

In Äthiopien bringt die enorme Teuerung viele Menschen in existenzielle Nöte. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht wichtige Grundnahrungsmittel teurer werden. Als Unterstützung erhielten alle Lehrlinge des Misrach Centers und ein Teil der Mitarbeitenden ein Lebensmittelpaket.


Therese Ramseier, Mitarbeiterin in der Qualitätskontrolle des Misrach Centers und Mitglied des vierköpfigen Sozialteams, erzählt, wie die Verteilaktion ablief:

«Es war logistisch herausfordernd und zeitintensiv, Lebensmittel für 78 Mitarbeiter, 73 Lehrlinge und 14 blinde Frauen in der Wohngruppe einzukaufen und zu verpacken. Zu sechs verschiedenen Zeiten lud ich die Empfänger ein, ihre Geschenke abzuholen. Die Freude war allgemein gross. Es berührte alle zu sehen, dass man im Misrach Center bemerkt hatte, dass sie am Limit laufen und Hilfe benötigen.
 

Krank zu werden, können sich diese Menschen nicht leisten

Man stelle sich vor, dass ein Mitarbeiter mit einer vielleicht sechsköpfigen Familie zwischen 3000 und 4000 Birr auf die Hand erhält (rund 90 CHF / 80 EUR), wovon dann 1500 bis 3000 gleich für die Miete weggehen. Was übrigbleibt, muss reichen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei kostet ein Kilo Reis, Mehl oder Teigwaren rund 40 Birr, Linsen und Shiro (Bohnenmehl) mehr als das doppelte, von Gemüse oder Früchten gar nicht zu reden. Für mich ist es schlicht unbegreiflich, wie diese Menschen überleben. Wehe, es wird jemand krank, so dass noch Arzt- oder gar Krankenhauskosten dazu kommen: Dann droht eine Schuldenfalle, aus der es kaum mehr ein Entrinnen gibt.

Umso mehr freuten sich alle, als sie ihr Lebensmittelgeschenk mit einem durchschnittlichen Wert von 1200 Birr (ca. 23 Euro / 26 Franken) erhielten. Sie schleppten ihr Mehl, Teigwaren, Reis, Linsen und Bohnenmehl glücklich nach Hause. Den blinden Mitarbeitern, die seit Beginn der Corona-Pandemie zu Hause arbeiten, brachte ich gemeinsam mit Girma, dem Abteilungsleiter der Bürstenabteilung und direkten Vorgesetzten der blinden Heimarbeiter, die Lebensmittel nach Hause. Das ersparte ihnen die Transportkosten für zwei Leute, die sie für die Abholung gebraucht hätten.
 

Der blinde Führer

Mitiku, einer unserer blinden Mitarbeiter, hatte uns schon mehrmals zu sich nach Hause eingeladen, doch mussten wir ihn mangels Zeit immer vertrösten. Nun, da wir den ganzen Tag zum Verteilen der Lebensmittel unterwegs waren, nahmen wir seine Einladung zum Essen gerne an. Mitiku und seine Frau holten uns an der Strasse ab, um uns einen Parkplatz für das Auto zu zeigen. Dann gingen wir über einen holprigen Pfad in die Wohnung. Auf holprigem Untergrund muss Girma, der an den Folgen einer Kinderlähmung leidet, sich an jemandem halten, um nicht umzuknicken. Da unsere Kollegin und ich mit den Lebensmitteln beladen waren, blieb nur noch Mitiku. So führte der blinde Mann seinen gehbehinderten Chef sicher über all die Unebenheiten des Weges zu seinem Haus.

Das war für mich so eine paradoxe und zu Herzen gehende Situation. Eigentlich würde man doch erwarten, dass der Sehende den Blinden führt. Aber Mitiku kennt in seiner Umgebung jede kleine Stolperfalle, so dass er ohne weiteres andere Menschen sicher führen kann. Er wohnt in einem Erdhaus, das er für seine Familie mit drei oder vier Kindern mietet. Wir genossen dann ein leckeres Essen mit Kartoffel- und Linsensauce zum Fladenbrot, bevor wir der Familie ihr Lebensmittelpaket übergaben. Auch hier war die Freude sehr gross.»

 

Sozialkasse springt ein

Die eigentliche Aufgabe des Misrach Centers ist das Ausbilden von Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Die Ausbildung kostet nichts, und die Lehrlingen erhalten einen kleinen Lohn, sorgen aber ansonsten selber für ihren Lebensunterhalt. Für Notsituationen, wie nun wegen der enormen Teuerung der Fall, gibt es eine Sozialkasse, um Hilfeleistungen zu finanzieren. Diese wird immer wieder von Spenderinnen und Spendern alimentiert, wofür wir sehr dankbar sind. 

 

 

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